Anfang Juli machten wir wieder einmal einen Abstecher nach El Puerto de Santa María, in die Heimat von Osborne. Im Rahmen eines längeren Besuchs durften wir an einer exklusiven Blending Session mit Osbornes Master Blender Marcos Alguacil teilnehmen.
„Das Haus des Brandys“
Mit der Ankunft in der Bodega El Tiro, der größeren der beiden Bodegas Osborne in El Puerto de Santa María, startete zunächst eine von Master Blender Marcos Alguacil geleitete Verkostung der verschiedenen Brandys de Jerez, welche unter dem Dach der Grupo Osborne vereint sind. Ergänzend zur Kernmarke Osborne hat sich das spanische Familienunternehmen nämlich sukzessive zu einer Art Bewahrer traditionsreicher Marken entwickelt. So werden mit den Marken, die von ihren Eigentümern nicht mehr fortgeführt werden (können), gleich die Fässer oder gar ganze Solera-Systeme aufgekauft und in die Bodega El Tiro überführt.
Im Jahr 2008 kamen so unter anderem die Marken Carlos I (ursprünglich von den Bodegas Pedro Domecq) und Brandy 1866 (ursprünglich von den Bodegas Jiménez y Lamothe) zu Osborne. Carlos I ist seit geraumer Zeit einer der bedeutsamsten Brandy de Jerez Solera Gran Reserva für den deutschen Markt, der auch der wichtigste Absatzmarkt für die Marke ist. Die Herstellung startet in einer Osborne-eigenen Brennerei in Tomelloso in der spanischen Autonomen Gemeinschaft Kastilien-La Mancha. Dort werden die Holandas, aromatische Destillate mit einem Alkoholgehalt von unter 70 Prozent, für alle Brandys von Osborne auf Alambics aus Airén-Trauben gewonnen. Für jede Marke legt Master Blender Marcos Alguacil in direkter Absprache mit der Master Distillerin Virginia Martín unterschiedliche Cut Points fest.
Alle Brandys de Jerez von Carlos I sind Solera Gran Reserva, die mindestens sechs Jahre nach dem Solera-Verfahren primär in jahrzehntealten Ex-Amontillado- und Ex-Oloroso-Sherry-Butts aus amerikanischer Weißeiche heranreifen. Hinzu kommen die 2018 gelaunchten Carlos I Amontillado und Carlos I Pedro Ximénez, welche noch Nachreifungen in Ex-Sherry-Butts aus historischen Solera-Systemen erhalten. Die Carlos I Core Range im Überblick:
- Carlos I Original: ~ acht Jahre alt
- Carlos I Amontillado: Original plus Finish in Fässern des La Honda Amontillado Solera von 1857
- Carlos I Pedro Ximénez: Original plus Finish in Fässern des PX Viejo Solera von 1902
- Carlos I Imperial X.O.: ~ zwölf Jahre alt
Den Brandy 1866 lässt Osborne im Schnitt zwölf Jahre in einem 16-stufigen Solera-System aus Ex-Fino-Sherry-Butts aus amerikanischer Weißeiche reifen.
Der Weg zum eigenen Brandy
Der Einfachheit halber stellte Master Blender Marcos Alguacil für die Blending Session vier bereits auf Trinkstärke eingestellte Brandys zur Verfügung. Darunter waren Carlos I Amontillado und Carlos I Pedro Ximénez, allerdings mit einer längeren Reifung als üblich. Weiter stand ein rund zwei Jahre junger Brandy aus dem Solera-System des Brandy 1866 zur Verfügung, mit dem Frische und Leichtigkeit in den finalen Brandy gebracht werden sollte. Das genaue Gegenteil war ein Brandy, den Marcos Alguacil in unserem Beisein einem Fass entnahm, über das kaum Aufzeichnungen existieren, nach der Schätzung des Master Blenders aber gute hundert Jahre alt sein muss. Jener Brandy zeigte eine beeindruckende Aromendichte mit starken Alterungsnoten, welche Assoziationen von alten Möbeln weckten.
Eben jener uralte „Schatz“ sollte in unserem Blend nicht zu kurz kommen, weshalb gut sieben Prozent davon einflossen. Den Löwenanteil mit rund 75 Prozent bildete der mineralisch nussige Carlos I Amontillado, flankiert von zehn Prozent des kakaolastigen Carlos I Pedro Ximénez. Acht Prozent jungen Brandys vervollständigten unseren Brandy. Wie vom Master Blender Marcos Alguacil angekündigt, durchlief und durchläuft der Brandy seit dem Abfüllen in die Flasche eine Harmonisierung, sodass fast täglich ein Wandel in der Aromatik festzustellen ist. Derzeit vernimmt man eine feine Balance aus Alterungsnoten und mineralischen Anklängen sowie Kakaonoten im Hintergrund. Im Mund baut sich ein voluminöser Körper mit einer guten Portion Kraft und einem seidigen Mundgefühl auf. Der Nachhall ist ewig lang, samtig weich und nur gering süß.
Unbezahlbare Fässer
Zum Abschluss unseres Besuchs durften wir noch in der Bodega de Mora die Sherrys aus jenen Fässern probieren, die auch zur Reifung der Brandys genutzt werden. Einige Solera-Systeme sind jahrhundertealt und ihre unbezahlbaren Fässer förmlich vollgesogen mit Sherry. Im Übrigen werden diese VORS-Sherrys seit 2022 innerhalb der Osborne Rare Sherry Range verfügbar gemacht
Osborne hat uns einen exklusiven Einblick gewährt und uns die Flasche Brandy kostenfrei überlassen. Vorgaben hinsichtlich einer Berichterstattung bestanden zu keinem Zeitpunkt. Die Reisekosten haben wir selbst getragen.
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